Parnass 01/2015, Szene Zeichnung- Disegno Austriaco, von Florian Steininger


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Charlotte Schnabl – Mentale Zeichnung als Übersetzung der Welt

 

von Florian Steininger

Im Fokus von Charlotte Schnabls künstlerischem Handeln steht die Zeichnung, als bildliche Äußerung der mentalen Welt: „Ich denke auch zeichnerisch“. Der Strich fungiert als Übersetzung der Welt. Hierbei kann man durchwegs den Terminus
„Disegno“ verwenden,  der in der Renaissancekunst erstmals Anwendung fand: Disegno meint ebenso sehr die äußere Form der Gestaltung, das Zeichnen, wie einen Erkenntnis- oder Denkvorgang, der mit der Form der Zeichnung eng verbunden ist, so dass in den theoretischen Entwürfen der Renaissance das Zeichnen vor der Malerei und Bildhauerei als Ursprung des gestalterischen Denkens verstanden wird. Nun geht es Schnabl keineswegs um eine naturalistische Übersetzung von Realitäten auf das Blatt Papier sondern um einen transformatorischen Prozess von einer Realität in ein neues Zeichensystem im Medium der Zeichnung. So ist etwa der Parfum-Zyklus entstanden, bei dem die Künstlerin die Welt der Gerüche in die Welt der Zeichen und Bilder verwandelt hat. Resultat sind diagrammartige Formationen, eine Art Geruchslehre. Kunst und Wissenschaft verbinden sich. Oder sie bedient sich der Sprache, der Konversation, Sprüche, die in Kinderspielen vorkommen; sie werden in Vektoren und diagrammartigen Systemen übersetzt. Es geht stets um Übersetzungen von einem System in ein anderes, das keine Verbindungen zu kennen scheint: Zeichnung-Sprache, Zeichnung-Duft. Wenn Schnabl den Vogelflug am Himmel zeichnet, dann geht es ihr nicht um die Protagonisten selber und deren realistische Abbildung, sondern um ihre an sich unsichtbaren Spuren, die sie in die Luft schneiden. Das wird zeichnerisch notiert. Unsichtbarkeit und Vergänglichkeit sind entscheidende Dimensionen, die mit dem Grafitstift auf dem weißen Blatt eingefangen werden, wie etwa eben ein Vogelflug oder Schneefall. Die Zeichnerin ist voller Akribie am Werk, vermeidet die exaltierte Geste, die expressive Handschrift. Ein Marillenkern wird zum zeichnerischen Kosmos; wir verlieren uns in den unzähligen Strichlagen innerhalb der gezeichneten Form. Am deutlichsten ist dies Akribie am monumentalen Werk des Teppichs spürbar. Ein Kelim war Vorbild für die zeichnerische Übersetzung. Wie ein Plotter hat sich Schnabl Segment um Segment vorgearbeitet. Präsentiert wird die große Papierarbeit schlussendlich nicht auf der Wand wie ein Tafelbild und auch nicht wie ein Teppich am Boden ausgebreitet, sondern auf dem Tisch halbeingerollt, wie eine Landkarte, dessen Details von uns gelesen werden möchten. In der Tracce-Serie arbeitet die Künstlerin mit dem Moment der Fiktion, des Trugs, indem sie ihre zeichnerischen Blätter in die Stofflichkeit von Marmor mit feinen Äderungen verwandelt, ja diese über die faktischen Bildgrenzen auf die Mauer hinauswandern. Ein Mittel, das auf Giottos Trug vom gemalten Stein zurückgeht, wenn er in der Freskotechnik Tugenden und Laster wie aus Marmor verführerisch malt. Die Künstlerin konzentriert sich aber nicht nur auf die Fläche des Blattes sondern expandiert die Zeichnung in die dritte Dimension, indem sie aus Bambusstäben Gitterkonstruktionen baut und diese in die verschneite Landschaft stellt. Die Natur wird zum Träger der Zeichnung.

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Experimente mit Sinn und Sinnlichkeit

„Schattierungen“:


von Willi Rainer (Kleine Zeitung, 16. November 2014)

KLAGENFURT. Wie ist ein Geruch zu zeichnen? Die gebürtige Villacherin Charlotte Schnabl, die nach einem Studium der Bildhauerei in Wien lebt, stellt sich diese Frage und versucht mit Bleistiften auf Papier eine Antwort darauf zu finden. Das Ergebnis ist visuell, nicht olfaktorisch wahrnehmbar.

Gleich daneben werden Farben wie Rot oder Blau in Schwarz-Weiß-Zeichnungen dargestellt. Präzise Striche, die sich zu Flächen verdichten, generieren geometrisch anmutende Morphologien. Wahrnehmungskonstanz wird auf die Probe gestellt. Schnabl rückt dazu auch Buchstaben und Zahlen ins Bild, wie mathematische Formeln. Über Landschaftsbilder legt sie exakt abgezirkelte Linien und nur ein kleiner Richtungspfeil lässt ahnen, dass es sich um Formationen von Vogelschwärmen handelt. Spätestens in einem großen Blatt, das ein Schneegestöber ausbrechen lässt, wird klar, dass hier auf intelligente und subtile Weise mit Sinn, Sinnlichkeit und der diese bedingenden Wahrnehmung experimentiert wird. Die Hypothesen sind formuliert, die Vermessung der Ästhetik liegt in den Sinnen der Betrachter. Die Schlussfolgerung, dass die Unerschöpflichkeit des Denkens mit ihrer Unvollständigkeit korrespondiert, ist zulässig.


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