Monument

 

Bleistift auf Papier – in einer bestimmten Kombination, einem bestimmten Ausmaß, unter besonderem Einfluss – ergeben eine bestimmte Form, die eine verblüffende Ähnlichkeit zu einem Teppich aufweist. Genauer genommen, erinnert die Arbeit an einen, oder zwei Kelims. Der Experte erkennt in den dargestellten Motiven, sofort typische Kelimmuster, die in der persischen Tradition auch Landschaften, Gefühle und Wünsche ausdrücken sollen. Doch wie steht es um das Material? Von hochwertiger Schafwolle keine Spur. Und können sie die traditionelle Webtechnik ohne durchgehenden Schußfaden feststellen? Ist es am Ende vielleicht nur eine Täuschung?

 

Bevor wir uns der Illusion hingeben, einer Täuschung zu erliegen, sollten wir uns den Titel des Werks zu Gemüte führen: Monument. Ein Monument ist etwas Großes, das an Großes erinnern soll. An eine große Persönlichkeit (womöglich wurde schon Cleopatra in einem solchen Kelim verschickt), an ein großes Ereignis, eine große Zeit, einen Gedanken, ein großes Gefühl, eine Tat – oder einfach an eine große Wirklichkeit, die all das vereint. Hier, die Erinnerung an ein unvollendetes Kelim-Arrangement: sagenumwobene Zeiten und Geschichten aber auch Wärme und Geborgenheit für ein Zuhause. Ob eingebildet oder real entzieht sich unserem Urteilsvermögen.

 

Monument deutet auf eine neue Realität hin, die auch im kleinsten Bleistiftstrich auf den großen Papierflächen abzulesen ist: mechanisches, akribisches Kopieren des Originals, zu dem sich allmählich tausende neue Gedanken und Gefühle hinein gewebt haben. Diese kontemplative, große Tat – im Sinne von Zeit und Hingabe – ergibt neue Muster – eine Erinnerung an Muster von Stunden, Tagen, Monaten, die sich scheinbar endlos weiterführen lassen, daher immer wie ein Ausschnitt wirken, unvollendet. Die Wirklichkeit des Monuments scheint wie jede Wirklichkeit nur soweit real, wie wir sie wahrnehmen können. Das offene Ende lässt auf unsere begrenzte Wahrnehmungsfähigkeit schließen, unsere Begrenztheit. Doch hinter all dem steht – mit hoher Wahrscheinlichkeit – etwas Großes.

 

(Lucia Czernin)